Verhandlungsergebnis erzielt

Betriebsrat und IG Metall einigen sich mit Continental auf Sozialplan

06.06.2024 | Gifhorn – Klarheit für die Conti-Beschäftigten in Gifhorn: Betriebsrat, IG Metall und das Unternehmen haben sich in der Nacht zu Mittwoch nach langen, aber stets konstruktiven Verhandlungen auf einen Sozialplan im Zuge der Ende 2027 bevorstehenden Schließung des Standortes verständigt.

Neben einem fairen Abfindungsprogramm beinhaltet der Sozialplan auch das innovative und bundesweit in dieser Art wohl bisher einzigartige Programm „Von Arbeit in Arbeit“, mit dem den Conti-Beschäftigten eine nahtlose Weiterbeschäftigung in einem anderen Unternehmen ermöglicht werden soll. Im Rahmen einer Betriebsversammlung informierten Betriebsrat, IG Metall und die Standortleitung die Beschäftigten am Mittwoch umgehend über die Verhandlungsergebnisse.

„Das Verhandlungsergebnis trifft innerhalb der Belegschaft auf volle Zustimmung. Was wir uns vorgenommen haben, haben wir auch erreicht: Einen Sozialplan, der die Nachteile der Kolleginnen und Kollegen ausgleicht. Nichts anderes hat diese Mannschaft verdient“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Athanasios Kokotos. Sein Stellvertreter Orhan Özen ergänzt: „Die Verhandlungen waren anfangs sehr holprig. Im Verlauf der Gespräche haben wir als Team mit unserem Betriebsratskollegen Osman Özdemir und das Unternehmen aber zusammengefunden und in konstruktiver Atmosphäre ein sehr gutes Ergebnis für unsere Kolleginnen und Kollegen erzielt.“

Im Zentrum des Sozialplans steht das gemeinsam von Continental im Zusammenwirken mit der IG Metall entwickelte Modell „Von Arbeit in Arbeit“. Unterstützung bekamen die Sozialpartner dabei auch von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil. Ziel des Modells ist es, möglichst allen derzeit noch rund 1000 vom Arbeitsplatzverlust betroffenen Mitarbeitern eine Anschlussbeschäftigung außerhalb des Continental-Konzerns bei namhaften und tarifgebundenen Unternehmen in der Region Gifhorn zu ermöglichen und damit auch die industrielle Struktur und Beschäftigungsperspektiven in der Region zu erhalten.

Mit dem Wärmepumpenhersteller Stiebel-Eltron, der am Standort Gifhorn schrittweise eine Produktion von Edelstahlspeichern aufbauen will, wurde bereits im Dezember 2023 eine Absichtserklärung abgeschlossen. Danach ist es das gemeinsame Ziel, Stiebel Eltron einen Zugang zu den am Standort Gifhorn verfügbar werdenden Fachkräften zu bieten und gleichzeitig möglichst vielen der von dem Geschäftsausstieg betroffenen Mitarbeitern nachhaltige Beschäftigungsperspektiven am Standort Gifhorn aufzuzeigen. Nach aktuellem Stand plant Siebel Eltron mittelfristig mit bis zu 350 Arbeitsplätzen. Mit Siemens Mobility und Rheinmetall wurden mittlerweile weitere Absichtserklärungen unterzeichnet. Die Suche nach weiteren Partnern hält an.

Die IG Metall sieht in dem Modell eine mögliche Blaupause für erfolgreichen Strukturwandel. „Unser Ziel war, Industrie und Arbeitsplätze in der Region zu halten. Durch die gemeinsamen Anstrengungen von Continental, den Betriebsräten und der IG Metall ist das gelungen. Dieser Fall ist ein schönes Beispiel für verantwortungsvolles Handeln.  Er hat das Potential dazu, als Blaupause zu dienen, wie Veränderungen in der Automobilindustrie nachhaltig fair und ohne einen Kahlschlag bei gut bezahlten Industriearbeitsplätzen gelingen können“, sagt Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall.

Flankiert wird das Modell im Sozialplan von einem attraktiven Abfindungsprogramm. IG Metall und Betriebsrat ist es gelungen, die vorher und bis Ende 2023 gültigen Abfindungssummen nochmals zu übertreffen. Das Besondere daran: Sowohl für alle Beschäftigten, die kein Angebot zur Weiterbeschäftigung im Rahmen des Programms „Von Arbeit in Arbeit“ erhalten, als auch für alle Beschäftigten, die eine Vermittlung durch Continental beispielsweise aufgrund einer anderen Lebensplanung ablehnen, wird es eine Abfindungszahlung in voller Höhe geben. Voraussetzung ist lediglich die Teilnahme an einem Beratungsgespräch. Für alle, die vermittelt werden können, fließt eine leicht reduzierte Abfindung - abhängig davon, wie ihr künftiger Lohn im Vergleich zum aktuellen Entgelt bei Conti ausfällt. Bei gleichem oder besserem Entgelt wird beispielsweise die Basisabfindung um 20 Prozent reduziert.

Für den zuständigen Politischen Sekretär Türker Baloglu von der IG Metall Wolfsburg ist das ein gelungenes Paket. „Mit dieser Abmachung haben wir es gemeinsam mit Continental geschafft, das Projekt ‚Von Arbeit in Arbeit‘ zu fairen Bedingungen auszugestalten und geben den Beschäftigten in Gifhorn damit die Chance, ohne Nachteile eine nahtlose Weiterbeschäftigung zu erhalten.“

Nach der Einigung auf den Sozialplan steht nun die erste Phase des Modells „Von Arbeit in Arbeit“. In dieser sollen die Beschäftigten mit allen relevanten Informationen über die Zielunternehmen versorgt werden. Im Anschluss daran werden die Beschäftigten nach ihrem Interesse an einer Anschlussbeschäftigung bei den Zielunternehmen befragt.