Interview mit Thorsten Bentlage

Zur Wahl in der Autostadt

23.02.2026 | WIR sprechen mit Thorsten Bentlage, dem Betriebsratsvorsitzenden der Autostadt, über die Betriebsratswahlen und die wichtigsten Zukunftsthemen.

Spitzenkandidaten für den Betriebsrat der Autostadt

WIR: Hallo Thorsten. In wenigen Tagen beginnt die Betriebsratswahl. Ihr seid eine Woche früher dran, als die meisten Betriebe. Bedeutet das Extra-Druck?

Thorsten: Ich glaube schon, dass auch die anderen Betriebe und die Belegschaften genau auf das Ergebnis schauen. Ein starkes Ergebnis für die IG Metall in der Autostadt kann Signalwirkung haben – und umgekehrt. Und angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen für die gesamte Branche ist eine starke, flächendeckend vertretene Gewerkschaft vielleicht wichtiger denn je. Von Extra-Druck würde ich dennoch nicht sprechen, denn auch für die Aufgaben bei uns in der Autostadt brauchen wir einen handlungsmächtigen Betriebsrat mit einem starken Belegschaftsvotum im Rücken. 

WIR: Du hast die Aufgaben in eurem Betrieb angesprochen. Gib uns einen Einblick in die Situation in der Autostadt?

Thorsten: Was die selbstgesteckten Ziele wie Auslieferungen und Besucherzahlen angeht, sieht es eigentlich gut aus. Zuletzt beim Winterevent hatten wir beispielsweise 450 000 Besucher innerhalb von fünf Wochen. Und dennoch: Mit dem Sparprogramm bei Volkswagen steigt auch der Druck auf uns als Autostadt.

WIR: Kannst du das genauer erklären?

Thorsten: Die Autostadt wurde vom Mutterkonzern eigentlich immer als Marketinginstrument gesehen. Und Marketing kostet Geld. Der Fokus auf Ertrag und Wirtschaftlichkeit war dementsprechend nicht so groß, wie bei anderen Unternehmenseinheiten. Das dreht sich gerade. Unser Aufsichtsrat hat klar gemacht, dass auch für uns das Thema Wirtschaftlichkeit immer wichtiger wird. Die Autostadt soll finanziell eigenständiger werden und mehr Geld erwirtschaften.

WIR: Macht sich das für euch als Belegschaft schon konkret bemerkbar?

Thorsten: Ja, auf jeden Fall. Auch bei uns gab es bereits einen Stellenabbau. Zwar auf relativ niedrigem Niveau und sozial verträglich, aber der wirkt sich ganz konkret auf den Arbeitsalltag aus. Denn weniger Leute an Bord bedeutet eine deutlich größere Arbeitsbelastung für die Mannschaft – besonders in einem Unternehmen wie der Autostadt mit einem 7-Tage-Betrieb und einer langsam auch älter werdenden Belegschaft.

WIR: Was sind für euch als Betriebsrat die wichtigsten Themen für die kommende Wahlperiode? Was sind eure Forderungen?

Thorsten: Wie eben schon beschrieben, ist die Vereinbarkeit von Arbeit und Leben und die daraus resultierende Belastungssteuerung für unsere Kolleginnen und Kollegen extrem wichtig. Da werden wir als Betriebsrat genau hinschauen und auch über Personalzufuhr sprechen. Statt nur zu sparen, sollte das Unternehmen versuchen, die Wirtschaftlichkeit auf anderen Wegen zu verbessern. Ja, Winter- und Sommerevent sind unsere Zugpferde und laufen extrem gut. Zentral ist aber aus unserer Sicht, dass wir das Kerngeschäft der Auslieferungen stabilisieren und auch außerhalb der großen Event-Wochen attraktiver für unsere Besucher werden. Das schafft dann auch Sicherheit für die Belegschaft, die natürlich auch sieht, wie in der gesamten Autoindustrie Arbeitsplätze abgebaut werden.

WIR: Wie kann das gelingen? Habt ihr da Ideen?

Thorsten: Wir glauben, dass wir Investitionen in neue Attraktionen brauchen. Ich stelle mir da speziell Angebote vor, die die großen Zukunftsthemen der Mobilität abbilden und für die Besucher greifbar machen und für ein breites Publikum zugänglich erklären. Also E-Mobilität, autonomes Fahren, KI. Das hätte auch einen Marketing-Mehrwert für Volkswagen. Um das Auslieferungsgeschäft zu steigern, könnten wir weitere Marken dazuholen. Das alles bedeutet aber auch, dass die Belegschaft entsprechend geschult werden muss. Ich sag es mal überspitzt: Bei der Übergabe eines Golf IV mussten wir vielleicht erklären, wie die elektrischen Fensterheber funktionieren und wo welche Knöpfe sind, heute sind die Fahrzeuge rollende Computer. Die Aufgabe ist wesentlich komplexer geworden. Qualifizierung ist deswegen ein weiteres Thema, das wir als Betriebsrat unbedingt vorantreiben wollen.

WIR: Da habt ihr euch einiges vorgenommen. Welche Bedeutung hat ein starker Betriebsrat für die Erreichung dieses Ziels?

Thorsten: Ohne den Rückhalt einer geeinten Belegschaft geht es nicht. Wir müssen dem Arbeitgeber als geschlossene Front entgegentreten, dafür brauchen wir ein gutes Wahlergebnis. Der Vorstand schaut genau auf die Wahlen. Ein gespaltenes Kollegium ist ein Einfallstor für die Arbeitgeber. 

WIR: Welche Rolle spielt dabei die Verankerung des Betriebsrates in der IG Metall?

Thorsten: Nur ein IG Metall-Gremium hat die Möglichkeit sowohl innerbetrieblich als auch tariflich tätig zu werden und entsprechend Druck aufzubauen – auch durch die Stärke der betriebsübergreifenden Solidarität. Nur weil wir als Betriebsrat und als IG Metall stark sind, konnten wir beispielsweise in der letzten Verhandlungsrunde entgegen dem Trend ein Entgeltplus herausholen und Zuschüsse und Bonusregelung verteidigen. Da wollte das Unternehmen nämlich ran. Ich appelliere deswegen an alle Kolleginnen und Kollegen in allen Betrieben, wählen zu gehen und ihre Stimme den IG Metall-Listen zu geben.

WIR: Gibt es sonst etwas, was du dir für die Mitbestimmung in der Zukunft wünscht?

Thorsten: Wir dürfen uns auf keinen Fall auf den Erfolgen ausruhen. Angesichts der schwierigen, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen glaube ich sogar, dass wir als Gewerkschaft, Betriebsrat und Belegschaft sogar kämpferischer werden und häufiger auch mal den ungemütlicheren Weg gehen müssen. Viele unserer gewerkschaftlichen Errungenschaften werden derzeit in Frage gestellt, da dürfen wir den Konflikt nicht scheuen.

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