26.02.2026 | WIR im Gespräch mit Benjamin Stern, BR-Vorsitzender und Melanie Pütter, stellvertretende BR-Vorsitzende.
WIR: Hi Benni, hi Melanie. Die deutsche Industrie, insbesondere auch die Automobilbranche, steht stark unter Druck. Beinahe wöchentlich wurden die Beschäftigten im vergangenen Jahr mit Hiobsbotschaften von Jobabbau und Verlagerungen konfrontiert. Wie ist die Lage bei der Volkswagen Group Services? Wie ist die Stimmung in der Belegschaft kurz vor den Betriebsratswahlen?
Benni: Unser Unternehmen ist so vielfältig aufgestellt, dass die Lage von Bereich zu Bereich ganz unterschiedlich sein kann. In der Gastronomie und der Logistik beispielsweise sind wir aktuell gut aufgestellt, gewinnen Ausschreibungen. In der Fertigung ist die Lage zum Beispiel deutlich schwieriger.
Melanie: Generell sind unsere Kolleginnen und Kollegen natürlich besorgt. Das Thema Arbeitsplatzsicherheit steht derzeit absolut über allen anderen – sogar noch über dem Thema Vergütung. Das spüren wir und das wird auch uns wohl auch noch die nächste Wahlperiode begleiten. Da werden wir als Betriebsrat ganz klar unseren Fokus setzen. Leider können wir nicht alle äußeren Umstände beeinflussen.
WIR: Wo liegen denn eurer Ansicht nach die Ursachen für die schwierige Lage in der Zulieferer-Branche, zu der man euch ja zählen kann?
Benni: Leider handeln viele Unternehmen derzeit nach dem Motto „Geiz ist geil“ und versuchen an allen Ecken und Enden zu sparen. Das ist eine große Herausforderung für uns in den Ausschreibungen für neue Aufträge. Es wird nur auf den Preis geschaut, das ist ein Grund für die massiven Verlagerungen von Arbeitsplätzen in Länder, in denen die Beschäftigungskosten deutlich niedriger sind. Dabei hat sich schon oft bewahrheitet: Wer billig beauftragt, zahlt oft zweimal. Hier würden wir uns bei der Vergabe von Aufträgen einfach mehr Nähe und Loyalität von unseren Kunden zu uns wünschen.
Melanie: Und da ist auch die Politik ganz klar gefordert. Ohne eine strategische Industriepolitik mit niedrigeren Energiekosten, weniger Bürokratie und gezielten Anreizen und Subventionen für Unternehmen, die hierzulande produzieren und investieren wollen, werden wir mehr und mehr Wertschöpfung an Regionen mit besonders günstigen Arbeitskosten verlieren.
Benni: Zu den wichtigen politischen Maßnahmen gehört auch eine Stärkung der Tarifbindung. Die Tarifflucht in Deutschland nimmt weiter zu, das führt zu einem unfairen Wettbewerb und gefährdet den Wohlstand.
WIR: Welche Rolle spielen eine starke Mitbestimmung und eine starke Gewerkschaft in der aktuell angespannten Situation?
Benni: Das ist ganz einfach: Eine starke Mitbestimmung sorgt dafür, dass die Menschen nicht aus dem Blick geraten. Ich habe das Gefühl, dass es den Unternehmen und Vorständen heute leider immer häufiger an Verantwortungsgefühl mangelt und das unternehmerische Risiko vollständig auf den Rücken der Belegschaft abgewälzt wird. Es geht oftmals nur noch um Zahlen, nicht um Menschen. In einem Unternehmen wie der Volkswagen Group Services, in dem die Belegschaft und ihr Know-how das gesamte Kapital ausmachen und das sonst über keine Betriebsmittel verfügt, sollte die Verantwortung des Arbeitgebers sogar noch größer sein.
Melanie: Nur mit einer starken Mitbestimmung können wir verhindern, dass Entscheidungen über die Köpfe der Belegschaft getroffen werden. Der Fokus sollte nicht nur auf Wirtschaftlichkeit, sondern in gleichem Maße auf den Menschen im Unternehmen liegen. Als Betriebsrat kämpfen wir dafür, dass die Interessen der Kolleginnen und Kollegen bei den Unternehmensentscheidungen gewahrt werden. Mit einer starken Gewerkschaft im Rücken können wir diese Interessen zudem auch in den Tarifverhandlungen durchsetzen. Die guten Tarifabschlüsse der letzten Jahre mit Entgeltsteigerungen trotz schwieriger Rahmenbedingungen sprechen für sich. Hinzu kommen Vereinbarungen wie Fahrradleasing, arbeitnehmerfreundliche Homeoffice-Regelungen oder jüngst ein Sozialbudget für Kolleginnen und Kollegen in finanzieller Notlage. Ohne starken Betriebsrat und starke Gewerkschaft wäre das nicht möglich gewesen.
WIR: Ihr habt gerade einige Erfolge der jüngsten Vergangenheit angesprochen. Was habt ihr euch nun für die nächsten vier Jahre vorgenommen?
Benni: Vor allem geht es uns darum, dass unsere Kolleginnen und Kollegen ohne Angst um ihre Zukunft zu haben, ihren Job machen können. Die Sicherheit der Arbeitsplätze steht neben einer fairen Bezahlung an erster Stelle. Aber: Angesichts der schwierigen gesamtwirtschaftlichen Lage und der Versuche, Mitbestimmungserfolge, wie das Arbeitszeitgesetz, zu schwächen, wird es leider eine große Aufgabe sein, die bisherigen Erfolge zu verteidigen. Die hohen Standards, die wir heute haben, sind nicht selbstverständlich und können ohne eine starke Mitbestimmung auch wieder verloren gehen. Das muss allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bewusst sein.
Melanie: Ein ganz konkretes Thema, dem wir uns als Betriebsrat annehmen, ist zudem das Thema künstliche Intelligenz. KI wird in der nahen Zukunft eine immer größere Rolle spielen – nicht nur im Arbeitsalltag, sondern auch in der Auseinandersetzung mit dem Arbeitgeber. Uns ist bewusst: KI wird kommen und wir wollen das auch. Aber die Rahmenbedingungen müssen im Interesse der Kolleginnen und Kollegen gestaltet werden. Das werden wir genau prüfen und arbeiten bereits an konkreten Vereinbarungen. Denn leider neigen die Geschäftsführungen bisher dazu, KI vor allem für Einsparungen beim Personal zu nutzen. Das wollen wir verhindern. Für uns geht es vielmehr darum, KI dafür einzusetzen, die Kolleginnen und Kollegen zu entlasten und die Qualität unserer Dienstleistungen für unsere Kunden zu steigern. Deswegen ist auch Qualifizierung ein großes Thema für die kommenden vier Jahre.
Benni: Um diese Aufgaben erfolgreich bewältigen zu können, brauchen wir bei den Betriebsratswahlen natürlich ein starkes Votum und ein deutliches Zeichen des Zusammenhalts. Also liebe Kolleginnen und Kollegen: Bitte geht wählen!