Interview mit Daniela Cavallo

Zur Wahl bei Volkswagen

25.02.2026 | WIR im Gespräch mit Daniela Cavallo.

Daniela Cavallo: "Wir sind mit Volkswagen mitten im perfekten Sturm"

WIR: Daniela, in wenigen Tagen ist Betriebsratswahl im Stammwerk von Volkswagen. Was geht Dir dazu durch den Kopf?

Daniela: Dass es eine wichtige Wahl in enorm wichtigen Zeiten ist. Die Herausforderungen für uns bei Volkswagen und für die Industrie insgesamt haben zuletzt noch zugenommen. Einerseits sind da milliardenteure Zollbarrieren in den USA, dem zweitwichtigsten Automarkt der Welt, und andererseits Absatzeinbrüche in China, der weltgrößten Absatzregion. Das trifft den VW-Konzern mit nie gekannter Wucht. Daheim in Europa sind wir Marktführer – aber auf einem gesättigten, inzwischen sogar rückläufigen Markt. Obendrauf haben wir die teure Antriebswende zu finanzieren, bei der wir über viele Jahre dreifach investieren müssen: in unsere starken Verbrenner plus die Hybride und parallel in unsere Zukunftspalette elektrischer Fahrzeuge. Hinzu kommen Software, Batterie und autonomes Fahren als entscheidende Zukunftsfelder. Wir sind mit Volkswagen mitten im perfekten Sturm. Bisher konnten wir unsere Balance aus Beschäftigungssicherung und Wirtschaftlichkeit halten. Das geht nur gemeinsam! Deswegen kämpfen wir bei der Betriebsratswahl um jede Stimme.

WIR: Aber ein hohes Wahlergebnis ist der IG Metall doch sicher. Macht die genaue Prozentzahl einen Unterschied?

Daniela: Das Argument hören wir öfter. Nach dem Motto: „Solange die IG Metall die absolute Mehrheit behält, bleibt doch alles beim Alten. Warum soll man wählen gehen? Ist doch eh schon alles entschieden.“ Ist es eben nicht! Mit Blick auf die Mehrheits-Verhältnisse bei Abstimmungen im Betriebsrat wird es zwar zutreffen, dass die IG Metall das Maß der Dinge bleibt. Aber wir haben auch einen hohen Anspruch an die tägliche Betriebsratsarbeit vor Ort. In Wolfsburg sind 67 Mandate zu verteilen. Jedes davon, das nicht auf die IG Metall entfällt, schwächt unseren Betreuungsschlüssel. Die Rechnung ist einfach: Je mehr Sitze für die IG Metall, desto intensiver können sich unsere Betriebsratsmitglieder um die individuellen Anliegen der Kolleginnen und Kollegen kümmern. Das Eine ist quasi die große Politik und die Durchsetzungsstärke im Gremium, das Andere ist eine möglichst engmaschige Betreuung vor Ort. Und schließlich ist ein starkes Votum ein deutliches Zeichen an den Vorstand: Diese Belegschaft steht geschlossen.

WIR: Bei der Wahl geht es um Deine Funktion als amtierende und künftige Betriebsratsvorsitzende in Wolfsburg. Zusätzlich bist Du Vorsitzende im Gesamt- und Konzernbetriebsrat, hast eine führende Rolle im Aufsichtsrat und bist die Präsidentin des Weltkonzernbetriebsrats …

Daniela: Ja, das sind ganz schön viele Hüte, die ich aufhabe (lacht). Aber genau das zeigt doch die Kraft unserer betrieblichen Mitbestimmung. Und eben dafür brauchen wir ein starkes Team IG Metall in den Standorten. So entsteht VW-weit, nämlich im Gesamtbetriebsrat, unsere flächendeckende Gestaltungskraft. Das Gleiche gilt für den markenübergreifenden Konzernbetriebsrat. Und international nehmen wir über den Europäischen- und Weltkonzernbetriebsrat maßgeblich Einfluss. Nicht zuletzt bilden wir geschlossen die Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat, wo die großen strategischen Weichenstellungen zu treffen sind, zum Beispiel über Investitionen in die Standorte.

WIR: Du hast die Wahlbeteiligung schon angesprochen. Wie war die zuletzt im Stammwerk?

Daniela: Schlecht. Das muss man leider so sagen. Bei den zwei vorangegangenen Wahlen, 2022 und 2018, lag die Wahlbeteiligung unter 60 Prozent. Und das, obwohl im selben Zeitraum die Beteiligung an politischen Wahlen angewachsen ist. Bei der Bundestagswahl 2025 haben knapp 83 Prozent der wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger mitgemacht. Und bei uns im Stammwerk bekommen wir nur noch gut jeden Zweiten dazu, den Betriebsrat zu wählen. Dabei geht es um ganz entscheidende Dinge wie das eigene tägliche Arbeitsumfeld. Um ganz konkrete Fragen! Mir macht die Beteiligung bei den Betriebsratswahlen richtig Sorgen. Ich wünsche mir sehr, dass wir aus diesem Tal herauskommen und dieses Mal klar jenseits der 60 Prozent Wahlbeteiligung liegen. Wer nicht wählt, schwächt die Mitbestimmung und schadet am Ende sich selber und der Belegschaft insgesamt. 

WIR: Stichwort Tarifabschluss 2024: Du bist ja viel unterwegs im Werk, sprichst mit unzähligen Kolleginnen und Kollegen. Welche Rückmeldungen bekommst du?

Daniela: Ich spüre weiterhin viel Rückendeckung. Aber natürlich gibt es Kritik. In der Tarifrunde 2024 hatten wir von Anfang an klar formuliert, dass schmerzhafte Kompromisse hermüssen, wenn wir Werksschließungen und Massenentlassungen vermeiden wollen. Die Folgen spüren die Kolleginnen und Kollegen nach und nach. Dass das nicht für Freude sorgt, ist klar – zumal wir zuvor jahrelang nur Rekorde gejagt hatten. Umso wichtiger sind die vielen Gespräche, die wir führen. Im direkten Austausch, zum Beispiel in unseren BR-Dialogen in allen Bereichen, stoßen wir fast immer auf Verständnis für die Vereinbarungen, die wir getroffen haben. Das ist doch der Punkt: Man muss mit den Beschäftigten sprechen. Wenn man mit ihnen die Situation und damit einhergehende Entscheidungen bespricht, wird vieles nachvollziehbar. Diese Transparenz und Nähe zur Belegschaft fordern wir als Betriebsrat immer wieder auch vom Vorstand ein. Aber am Ende sind wir es, die unbequeme Wahrheiten aussprechen. Viele Kolleginnen und Kollegen schätzen das.

Auf den Abschluss sind wir im Übrigen weiterhin stolz. Der Vorstand wollte mindestens drei Standorte dichtmachen und uns dauerhaft ans Einkommen gehen. Das haben wir abgewendet. Und er hat die Beschäftigungssicherung aufgekündigt. Dass wir stattdessen eine unkündbare Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 durchgesetzt haben, würden sich viele Beschäftigte in anderen Betrieben wünschen – da reicht ein Blick in die Nachrichten. Im Aufsichtsrat und durch Tarifverträge sorgen wir als Arbeitnehmerseite jetzt dafür, dass die Beschäftigungssicherung durch die richtigen Produkte und Investitionen ab 2031 verlängerungsfähig ist.

WIR: Wolfsburg ist untrennbar mit dem Golf verbunden. Das aktuelle Verbrenner-Modell wird zukünftig in Mexiko gefertigt. Zu dieser Entscheidung gibt es auch kritische Stimmen. Was hältst Du entgegen?

Daniela: Uns ist bewusst, dass Belegschaft und Region emotional eng mit dem Golf verbunden sind. Für viele Menschen ist es mehr als ein Auto, es ist ein Stück Familiengeschichte. Ich freue mich selbst jedes Mal, wenn ich an der Golf-Skulptur an der Braunschweiger Straße vorbeifahre. Und weil er so wichtig für uns ist, verlässt der Golf Wolfsburg auch nicht. Sondern der Verbrenner-Golf macht Platz für seinen elektrischen Nachfolger. Ich stelle ihn mir gerne als Golf 9 vor. Damit dieses Zukunftsmodell kommen kann, müssen wir den Verbrenner-Golf abgeben. Mit der Umrüstung auf die SSP-Plattform machen wir unser Stammwerk dann fit für die Zukunft. Wichtig ist, dass wir die Auslastung im Werk in dieser Zeit absichern. Dafür kommt zum Beispiel der ID.3 aus Zwickau nach Wolfsburg. Unsere Kolleginnen und Kollegen sollen ihn mit den weiteren Erfolgsmodellen Tiguan und Tayron in Früh-, Spät-, und Nachtschicht produzieren. Außerdem nutzen wir die Umbauphase im Werk, um die Belegschaft für die neue Plattform zu qualifizieren. Auf der SSP-Basis bauen wir in Wolfsburg übrigens nicht nur den ID-Nachfolger des Golf. Es kommt auch ein zweites starkes ID-Volumenmodell im Segment des T-Roc ins Stammwerk.

WIR: Am 13. März wird das Ergebnis der Betriebsratswahl feststehen. Steigt dann eine riesige Wahlparty?

Daniela: Nein, Party ist bestimmt der falsche Begriff für das, was dann ansteht. Wir werden sicher feiern, dass wir als Team einen anstrengenden Wahlkampf geleistet haben. Und ich bin zuversichtlich, dass wir auf ein gutes Wahlergebnis anstoßen können. Aber eine Party passt nicht in das aktuelle Umfeld. Wir kämpfen dafür, dass Änderungen und Eingriffe bei Volkswagen weiter nur stark mitbestimmt und sozialverträglich ablaufen. Damit wir auf diese Weise gut aus der Krise kommen und wieder bessere Zeiten anbrechen. Und wenn das so weit ist: Ja, dann können wir alle miteinander eine Party feiern.

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