02.03.2026 | WIR im Gespräch mit Wissam Harb, Betriebsratsvorsitzender Brose Sitech.
WIR: Hi Wissam. Du bist seit gefühlten Ewigkeiten Betriebsratsvorsitzender bei Brose Sitech, ehemals Sitech. Ihr schafft es dort stets, die Betriebsratswahlen als Personenwahl mit nur einer Bewerberliste zu gestalten. Was ist euer Erfolgsgeheimnis?
Wissam: Zunächst einmal möchte ich mich – auch stellvertretend für meine Kolleginnen und Kollegen im Betriebsrat – für das uns entgegengebrachte Vertrauen in den vergangenen Jahren herzlich bedanken. Das ist nicht selbstverständlich. Vor allem, da wir dieses Vertrauen auch in schwierigen Zeiten wie diesen spüren. Und genau das ist auch unser Erfolgsgeheimnis: unser Zusammenhalt. Wir haben einen starken Organisationsgrad und sind somit handlungsmächtig, aber vor allem sind wir auch darüber hinaus eine starke Gemeinschaft. Wir grenzen niemanden aus, hören jedem zu, auch wenn er oder sie vielleicht anders denkt oder anderer Meinung ist.
WIR: Welche Bedeutung hat diese starke Mitbestimmung, dieser Zusammenhalt? Was macht diesen Faktor so wichtig?
Wissam: Es ist wie so oft im Leben: Wie wichtig etwas ist, zeigt sich erst, wenn man es wirklich braucht. Nämlich dann, wenn die Zeiten schwer sind. Dann bilden wir das Gegengewicht zum Management, das gerade heute leider viel zu häufig nur auf kurzfristige Profitmaximierung schaut und soziales Verantwortungsgefühl vermissen lässt. Denn ein Betrieb, das sind nicht die Hallen oder Anlagen. Ein Betrieb, das sind die Menschen, die dort arbeiten, die ihren Schweiß, ihr Blut und ihr Hirnschmalz investieren. Bei uns arbeiten einige Kolleginnen und Kollegen in zweiter Generation. Wir sind es, die sich mit dem Betrieb identifizieren. Und genau deshalb denken wir als Betriebsrat an eine langfristige Zukunft für das Unternehmen und damit an Perspektiven für die Region und den Standort. Dabei übernehmen wir aber auch Verantwortung und achten auf Themen wie die Wirtschaftlichkeit. Nur: Wir lassen uns nicht verarschen von Vorständen, die nur an kurzfristigen Gewinn denken und sich null mit dem Betrieb identifizieren.
WIR: Du sprachst eben schon die „schweren Zeiten“ an. Die Automobilbranche steht derzeit massiv unter Druck. Wie ist die Lage bei euch als Zulieferer von Sitzen?
Wissam: Trotz der Gesamtkrise haben wir ein gutes Jahr hinter uns, das Volumen hat gestimmt. Das heißt aber nicht, dass wir uns keine Sorgen machen und alles so weiterlaufen kann.
WIR: Was heißt das genau? Wie fällt dein Blick in die Zukunft aus? Wo gibt es Verbesserungs- oder Veränderungsbedarf?
Wissam: Wir kritisieren als Betriebsrat schon lange, dass die Abhängigkeit von unserem Hauptkunden und unserer ehemaligen Konzernmutter Volkswagen viel zu hoch ist. Wenn das Volumen bei den Modellen, für die wir die Sitze liefern, runter geht, haben wir keine Alternative. Spätestens für die Zeit nach der Golf-Verlagerung muss sich das Unternehmen deswegen um Kompensation und Ersatz bemühen. Dabei muss es gar nicht unbedingt nur um Verträge für andere Modelle gehen. Als Betriebsrat plädieren wir vehement für eine sowohl vertikale als auch horizontale Erweiterung unseres Portfolios. Das war ja schließlich auch der Gedanke hinter der Fusion mit Brose. Das bedeutet, wir müssen uns um neue Aufträge in der Autoindustrie bemühen – und zwar nicht nur von Volkswagen. Und wir sollten auch schauen, welche anderen Produkte wir mit unserer Expertise anbieten können. Denn wir haben ein sehr gut qualifiziertes, engagiertes und vergleichsweise junges Team. Wir können Innovation, das ist unser größtes Kapital. Ich denke da beispielsweise an andere Innenraumelemente für das Auto, aber auch an Produkte jenseits des Tellerrands. Wieso sollten wir in Sandkamp nicht auch Sitze für Bahn, Schiffe oder für Gaming herstellen können?
WIR: Und wie ist da der Stand?
Wissam: Es gibt kleine Teilerfolge. Zum Beispiel, dass wir uns in Wolfsburg unermüdlich um neue Projekte und um Aufträge für Innenraum-Module bemühen und dass wir als Betriebsrat mit dem Vorstand einen gemeinsamen Strategieausschuss eingeführt haben. Oft sind wir Arbeitnehmervertreter die Innovationstreiber. Aber es passiert noch zu wenig.
WIR: Woran hapert es?
Wissam: Leider werden wir – wie aktuell wohl die meisten Industrieunternehmen – seitens des Vorstands aber auch der Kunden immer wieder mit dem Thema „Wettbewerbsfähigkeit“ konfrontiert. Ständig hören wir, dass wir zu teuer sind. Die Folge ist die Verlagerung von Jobs in Niedriglohnländer, sogenannte „Best Cost Countries“, die auch durch die an die Zulieferer wie uns weitergebenen Spar-Programme der Kunden forciert werden.
WIR: Was können wir gegen diese Entwicklung tun?
Wissam: Wir müssen das Konzept „Wettbewerbsfähigkeit“ für Deutschland neu definieren. Das heißt nicht nur auf Kosten schauen, sondern uns wieder auf unsere alten Industrietugenden konzentrieren. „Made in Germany“ hat uns groß gemacht, und dieses Siegel bedeutet auch heute noch was. Deutsche Unternehmen müssen wieder bedingungslos auf Qualität und Innovation setzen. Mit unseren hochqualifizierten Belegschaften und unserer Erfahrung ist das unsere größte Stärke. Machen wir uns nichts vor: Wir werden nie die Kostenführerschaft übernehmen können, dafür aber die Qualitäts- und Innovationsführerschaft.
WIR: Bis zu den Betriebsratswahlen sind es nur noch wenige Tage. Was sind die Ziele des Betriebsrates für die kommende Wahlperiode, was treibt deine Kolleginnen und Kollegen um?
Wissam: Die Sicherung der Arbeitsplätze hat ganz klar oberste Priorität. Darum sorgen sich die Kolleginnen und Kollegen am meisten. Deswegen werden wir uns weiter für Innovationen und neue Produkte einsetzen, damit wir ausreichend Volumen garantieren können. Daneben haben wir uns in Sachen Arbeitsergonomie etwas vorgenommen. In Wolfsburg soll eine moderne Montagelinie entstehen, das werden wir als Betriebsrat im Sinne unserer Kolleginnen und Kollegen eng begleiten. Das Beste für die Belegschaft können wir aber nur rausholen, wenn diese uns bei den Wahlen ein starkes Votum gibt. Deswegen appelliere ich an die gesamte Brose Sitech-Familie: Geht wählen!