04.03.2026 | WIR im Gespräch mit Jörn Klenner, BR-Vorsitzender und Axel Decker, Listenführer.
WIR: Hallo Axel, hallo Jörn. Die gesamte Branche der Entwicklungsdienstleister steht unter Druck. Auch ihr und eure Kolleginnen und Kollegen bei der IAV durchlebt eine schwierige Phase. Könnt ihr die aktuelle Situation und die größten Herausforderungen aus eurer Sicht schildern?
Jörn: Die IAV und viele weitere Entwicklungsdienstleister in Deutschland haben sich in der Vergangenheit vor allem auf die großen Automobilhersteller, in unserem Fall vor allem Volkswagen, als Kunden konzentriert. Dort findet jetzt aber ein Paradigmenwechsel statt. Die Sparprogramme, welche die Automobilhersteller derzeit aufsetzen, wirken sich direkt auf unser Geschäft aus. Das bekommen wir stark zu spüren.
Axel: Um Kosten einzusparen, verlagern viele Hersteller die Entwicklungsumfänge zunehmend in sogenannte „Best Cost Countries“ und verfolgen eine „local for local“-Strategie, bei der Entwicklung und Produktion näher an den jeweiligen Absatzmärkten stattfinden. Dies geht einher mit einer rigorosen Vergabepolitik, bei der nicht mehr Qualität und Technologiekompetenz entscheiden, sondern nur noch der Preis. So stehen wir unter massivem Kostendruck bei der erforderlichen Transformation. Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind massiv.
Jörn: Die Konsequenz ist, dass auch die IAV einen immer größeren Teil der Aufträge an unsere Töchter und Standorte in diesen Best-Cost-Countries auslagern. Und auch von den Aufträgen, die wir im Ausland gewinnen, kommt nur wenig hier in Gifhorn oder den anderen deutschen Standorten an. Das ist leider eine Einbahnstraße. Unternehmensweit wurden deswegen Maßnahmen zur Restrukturierung und Kostensenkung beschlossen, die die Belegschaft hier in Deutschland durch Entgeltverzicht und Arbeitsplatzabbau direkt betreffen.
WIR: Gibt es Bemühungen oder Ideen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?
Axel: Auch auf Initiative von uns als Betriebsrat versucht das Unternehmen mit einer Akquiseoffensive aktiv dagegenzuwirken. So wird versucht, Aufträge in den Branchen Rüstung, Agrar und Energie zu gewinnen. Aus meiner Sicht gibt es außerdem Potenzial in Zukunftsbranchen wie der Batterietechnologie und den Computerchips. Da fehlen in Deutschland in Teilen der Lieferkette Entwicklungskompetenzen. Aber die baut man natürlich nicht über Nacht aus. Das braucht Zeit. Unsere Belegschaft hat grundsätzlich die Systemkompetenzen dafür. Der Schlüssel für den Umbau und die Transformation ist deswegen Qualifizierung und Weiterbildung. Das gilt meiner Meinung nach auch aus gesellschaftlicher Sicht für ganz Deutschland. Wenn man Entwicklung und Wertschöpfung hierzulande behalten will, müssen die Bereiche Bildung und Infrastruktur gestärkt und die Transformation der Branche insbesondere hin zu Zukunftstechnologien aktiv unterstützt werden.
Jörn: Das sehe ich genauso. Den Kostennachteil, den wir in Deutschland haben und schon immer hatten, müssen wir mit Qualität, Innovation und Nähe zum Kunden ausgleichen. Statt also unser hohes Know-how nach und nach in das Ausland zu verlagern, wünschen wir uns vom Unternehmen, dass es unsere hochqualifizierten Kolleginnen und Kollegen an Bord behält und ihre Kompetenzen weiterentwickelt und ausbaut. Auch erfahrene Mitarbeitende wollen und können sich thematisch weiterentwickeln, und die IAV sollte das als Chance begreifen.
WIR: Nun stehen wir kurz vor den Betriebsratswahlen. Wie ist die Stimmung in der Belegschaft und welche Rolle spielt eine starke Mitbestimmung in dieser schwierigen Situation?
Jörn: Unsere Kolleginnen und Kollegen machen sich Sorgen. Für sie geht es vor allem um die Zukunft der IAV und damit ganz konkret darum, dass die Arbeitsplätze und Beschäftigungsverhältnisse gesichert sind. Alle wollen wissen, wie es für sie persönlich weitergeht.
Axel: Ein starker Betriebsrat und eine starke Gewerkschaft sind deswegen gerade jetzt umso wichtiger. Das Management verfolgt die Interessen der Shareholder. Wir aus dem Betriebsrat und die IG Metall achten darauf, dass die Belastungen der Transformation fair verteilt werden und die Zukunft nicht einseitig auf dem Rücken der Beschäftigten gestaltet wird – im Betrieb wie in der Gesellschaft.
Jörn: Kurz gesagt: Bei den Wahlen geht es um nicht weniger als den Schutz der Belegschaft und ihrer Interessen. Deswegen sollte sich jeder an der Wahl beteiligen.
WIR: Was habt ihr als Liste der IG Metall euch für die kommende Wahlperiode vorgenommen? Und welche Erfolge konntet ihr in der Vergangenheit bereits erreichen?
Jörn: Die Sorgen unserer Kolleginnen und Kollegen um die Zukunft stehen für uns an erster Stelle. Folglich ist uns am wichtigsten, so viele Arbeitsplätze wie möglich bei der IAV zu sichern. Betrachtet man die derzeitige Situation und die Abbaupläne des Unternehmens, ist unser größter Erfolg deswegen wahrscheinlich die Beschäftigungssicherung bis Ende 2026, die wir in der Vergangenheit ausgehandelt haben.
Axel: Zudem setzen wir uns für faire Regelungen in der Transformation und für verbindliche Qualifizierungen der Beschäftigten ein – das ist ebenfalls entscheidend, um den Kolleginnen und Kollegen Perspektiven zu bieten. Ein großes Thema ist außerdem Künstliche Intelligenz. Denn klar ist: KI wird auf jeden Fall kommen und die Arbeitswelt verändern, sie effizienter machen. Das muss aber nicht bedeuten, dass nur weitere Arbeitsplätze eingespart werden. Im Idealfall können sogar Jobs entstehen. Auch hier ist Qualifikation der Schlüssel. In jedem Fall begleiten wir als Betriebsrat die Einführung von KI kritisch und achten auf Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation, die Arbeitsbedingungen und die Belastung der Mitarbeiter. Da sind wir bei uns beispielsweise mit einer bereits bestehenden Gesamtbetriebsvereinbarung zum Mitarbeiterschutz vor Haftung bei der Nutzung von KI auf einem guten Weg und weiter als viele andere Unternehmen. Kurz gesagt: Weil es um die Interessenvertretung und den Schutz der arbeitenden Menschen geht.