30 Jahre InterSoli

Zeit für neue Herausforderungen

  • 09.03.2012
  • Aktuelles, InterSoli

Als infolge zweier legendärer Winterseminare in der Heimvolkshochschule Hustedt 1982/83 der Arbeitskreis Intersoli gegründet wurde, konnte keiner ahnen, dass eben jener Ansatz basisnaher internationaler Gewerkschaftsarbeit drei Jahrzehnte später einen wesentlichen politischen Bestandteil des besonderen Aufgaben-Portfolios der IG Metall in Wolfsburg ausmachen sollte.

Gegründet wurde InterSoli nämlich nicht, um irgendwann einmal nach außen zu strahlen, sondern um möglichst unmittelbar nach innen zu wirken: Konkrete Missstände an den Überseestandorten des damals schon internationalisierten Unternehmens Volkswagen ließen die IG Metall bereits Ende der 1970er-Jahre aufhorchen.

Die Missachtung elementarer humanitärer und gewerkschaftlicher Rechte vor allem in Brasilien und Südafrika stand am Anfang der ersten persönlichen Kontakte zwischen Mitgliedern des VW-Gesamtbetriebsausschusses und ausländischen Gewerkschaftern. Unter der Militärregierung Brasiliens war es den Beschäftigten bei VW do Brasil untersagt, eine Arbeitnehmervertretung zu wählen.

In Südafrika verbot die Apartheidpolitik den schwarzen Kolleginnen und Kollegen, sich in Gewerkschaften zu organisieren. Die schweren Auseinandersetzungen in den damaligen "Problemländern" Brasilien und Südafrika waren für die Entwicklung der internationalen Gewerkschaftsarbeit in Wolfsburg von zentraler Bedeutung. Einerseits führten sie vor, dass die Mitglieder der "glücklichen VW-Familie" - so eine gern gebrauchte Bezeichnung des früheren Generaldirektors von Volkswagen Heinrich Nordhoff - ganz offenkundig nicht überall auf der Welt dasselbe Glück genossen. Andererseits machten sie aber auch deutlich, dass die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen an den ausländischen Standorten durch entschiedenes Vorgehen tatsächlich erreicht werden konnte.

Immerhin konnte auf Druck der IG Metall durchgesetzt werden, dass sowohl die südafrikanische Autoarbeiter-Gewerkschaft NAAWU als auch die freie brasilianische Metallgewerkschaft von Volkswagen als Verhandlungspartner offiziell anerkannt wurden. Und am Wichtigsten: Die Konflikte der 1970er-Jahre schärften das Bewusstsein dafür, dass Missständen an den ausländischen Standorten nur dann wirksam zu begegnen ist, wenn internationale Gewerkschaftsarbeit und Solidarität kein saisonales Schönwetterthema bleiben, sondern auf eine breite und kontinuierliche Basis gestellt werden.

InterSoli ging folgerichtig mit dreierlei Absichten an den Start: sich ein klares Bild über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse an den ausländischen Standorten zu machen, persönliche Kontake zu den ausländischen Kollegen aufzubauen und die auf diesem Weg gewonnenen Informationen regelmäßig in die deutschen Standorte zu bringen.

Die anfängliche Struktur des Arbeitskreises umfasste die drei voneinander getrennt arbeitenden Ländergruppen Brasilien, Mexiko und Südafrika. Mit fortschreitender Internationalisierung des Volkswagen-Konzerns kamen die Ländergruppen China und Mittel- und Osteuropa (MOE) sowie ein länderübergreifendes Forum, das sich mit themenbezogenen Fragestellungen (Globalisierung, WTO, GATS etc.) auseinandersetzt, hinzu.

Gegenwärtig vereint InterSoli unter seinem Dach die genannten Ländergruppen sowie die basisnahen Netzwerke "deutsch-iberoamerikanisches" und "mittel- und osteuropäisches" Gewerkschaftsnetzwerk. Hinzu kommt - länderübergreifend - die Gruppe "Intersoli-Frauen". Die Gründung weiterer Ländergruppen wird von den zukünftigen Internationalisierungsaktivitäten Volkswagens abhängen.

Rückblickend kann InterSoli als internationalistische Keimzelle bezeichnet werden, die den frühen Aufbau der internationalen Interessenvertretung im Konzern entscheidend begünstigte. Sowohl mit der Gründung des Europäischen-Konzernbetriebsrats 1990 als auch mit der des Welt-Konzernbetriebsrats 1998 war Volkswagen seiner jeweiligen Zeit voraus.

So weit, so gut, aber in den Augen der zahlreichen InterSoli-Aktivisten noch lange nicht gut genug. Das Selbstverständnis des Arbeitskreises lautet, künftig als vorausschauender Impulsgeber für die Regulierung der Beschäftigungsbedingungen in einer immer globaleren Konzernwelt zu fungieren. Dabei könnten die Herausforderungen größer und zahlreicher kaum sein: In den neu eröffneten "greenfield plants" von Volkswagen wie Kaluga (Russland), Pune (Indien) oder Chattanooga (USA), die über keine gewachsene Gewerkschaftskultur und -struktur verfügen, gilt es, systematische Aufbauarbeit zu leisten, um vor Ort unabhängige, starke Arbeitnehmervertretungen zu etablieren.

An den bereits länger bestehenden, gut integrierten Standorten in Mittel- und Osteuropa, Spanien, Portugal, Südafrika sowie in Lateinamerika, die sich nicht selten an der Schwelle hoher Standards befinden, gilt es wiederum, die Arbeitnehmervertreter bis an die "Spitze" zu begleiten und zu unterstützen.

Zwischen diese beiden Pole schiebt sich die "chinesische Herausforderung", die darin besteht, dass voraussichtlich mehr als die Hälfte aller Konzern-Fahrzeuge künftig im mitbestimmungsfreien Raum produziert werden.

Zum anderen wird die Integration zusätzlicher Marken und Sparten deutliche Spuren hinterlassen, da es in diesem Fall gilt, mit Fingerspitzengefühl die VW-fremden, gleichwohl gewachsenen nationalen wie internationalen Gewerkschafts- und Mitbestimmungsstrukturen in die bestehende Architektur zu integrieren. Und schließlich besteht eine erhöhte Wachsamkeit und Verantwortung gegenüber den deutschen Standorten, deren Zukunft ganz entscheidend von der Realisierbarkeit gemeinsamer materieller und sozialer Konzernstandards abhängt. Denn die ausländischen Standorte sind längst nicht mehr Teil einer Mischkalkulation, die in der Vergangenheit den Standorten der Volkswagen AG genügend Freiräume bei der Gestaltung der Arbeits- und Sozialstandards gewährt hat.

Im Gegenteil: Die ausländischen Standorte in den Wachstumsregionen, vor allem den BRIC-Staaten - Brasilien, Russland, Indien, China - spielen eine zentrale Rolle für das Konzernergebnis und den Beschäftigungsaufbau und stellen aufgrund der in vielen Fällen deutlich niedrigeren Standards heutzutage bereits eine latente Bedrohung für das deutsche Produktionsmodell dar, das für hohe Produktqualität sowie hohe Qualifikation und Entlohnung der Beschäftigten steht. Dieses könnte sich zukünftig in eine manifeste Bedrohung verwandeln, wenn es den betrieblichen und gewerkschaftlichen Interessenvertretungen nicht gelingt, dem konzerninternen Wettbewerb um die günstigsten Produktionsbedingungen durch das Anheben der außerhalb Deutschlands geltenden Standards entgegenzuwirken.

Aus Sicht der IG Metall besteht folgerichtig die nächste Etappe internationaler gewerkschaftlicher Zusammenarbeit darin, den erarbeiteten Informationsstand und die gewachsenen Vertrauensbeziehungen gezielt für die gemeinsame Entwicklung und Durchsetzung konzernweiter Mindeststandards zu nutzen. Exemplarische Handlungsfelder, die es in dieser Promotoren-Absicht zu besetzen gilt, betreffen ganz aktuell im Volkswagen-Konzern die Regulierung von Leiharbeit und die Durchsetzung eines verbindlichen Referenzrahmens für die Festlegung von Lohnuntergrenzen an jedem einzelnen Volkswagen-Standort.

In beiden Handlungsfeldern ist bislang sowohl seitens des Betriebsrats als auch in den Intersoli-Basisnetzwerken erhebliche Vorarbeit geleistet worden. Insbesondere die gemeinsame gewerkschaftspolitische Diskussion in den Basisnetzwerken hat klare Leitlinien hervorgebracht: Demnach darf Leiharbeit reguläre Beschäftigung nicht dauerhaft verdrängen, und eine entsprechende Rahmenvereinbarung muss verbindliche Obergrenzen von Leiharbeitnehmer-Anteilen an der Gesamtbeschäftigtenzahl sowie standardisierte Prozesse der Überführung von Leih- in Festarbeit definieren.

Hinsichtlich der Lohnuntergrenzen besteht unter den Gewerkschaftsvertretern grundsätzliche Einigkeit darüber, dass jeder Volkswagen-Beschäftigte an jedem Ort der Welt imstande sein muss, sich und seine Familie zu ernähren und ein Leben in Würde zu führen. Zur jeweiligen länderspezifischen Festlegung der Lohnuntergrenzen haben sich die Mitglieder von InterSoli methodisch darauf geeinigt, dass im jeweiligen Land einerseits die vorherrschenden Entlohnungsstrukturen in vergleichbaren Unternehmen und Branchen, andererseits die aktuellen Lebenshaltungskosten anhand plausibler Warenkörbe zugrunde gelegt werden.

Die hier skizzierten Herausforderungen machen deutlich, dass internationale Gewerkschaftsarbeit den Folklorestatus endgültig abgelegt hat. Das Eintreten für die Angleichung der Arbeits- und Entlohnungsbedingungen im internationalen Maßstab ist schon lange nicht mehr nur ein Akt der selbstlosen Solidarität, sondern des wohl kalkulierten, positiv auf die Gesamtheit ausstrahlenden Selbstschutzes. Nur so lässt sich in der "zweiten Halbzeit" des automobilen Zeitalters (Horst Neumann) auch tatsächlich ein faires Spiel aufziehen.

Autor: Frederic Speidel


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