22.10.2025 | Nettgau – Rund 60 Beschäftigte arbeiten bei der Tool GmbH in Nettgau, Sachsen-Anhalt – und sie haben genug. Genug von Hinhaltetaktiken, leeren Versprechungen und der Ungleichbehandlung gegenüber der Muttergesellschaft Sonae Arauco Deutschland, die sich in deutlich schlechteren Gehältern, Sonderzahlungen und Arbeitszeitregelungen zeigt. In einem Warnstreik haben die Beschäftigten bei Tool jetzt gemeinsam mit der IG Metall für faire Arbeitsbedingungen demonstriert.
In der kurz nach der Jahrtausendwende neu gebauten Fabrik, in der Spanholz- und OSB-Platten gefertigt werden, wird rund um die Uhr gearbeitet – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Um die Logistik für die Spanplattenfabrik von Sonae Arauco zu organisieren, wurden Beschäftigte in die Firma Tool ausgegliedert. Doch während bei der Muttergesellschaft längst bessere tarifliche Standards gelten, arbeiten die Beschäftigten bei Tool unter deutlich schlechteren Bedingungen. Die 40-Stunden-Woche ist hier Realität – deutlich mehr als in der Holz- und Kunststoffindustrie bundesweit üblich. Nach dem erfolgreichen Tarifabschluss bei Sonae Arauco, wo eine Heranführung auf eine 36-Stunden-Woche bis 2035 durchgesetzt und Sonderzahlungen auf niedersächsisches Niveau gehoben wurden, geht der Kampf nun bei Tool weiter. Ziel ist mittelfristig eine Annäherung an die in Westdeutschland längst üblichen Arbeitsbedingungen.
Die Positionen der IG Metall sind klar:
Die 40-Stunden-Woche ist nicht mehr zeitgemäß. Eine kürzere Arbeitszeit ist nicht nur gerecht, sondern auch notwendig, um die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten langfristig zu sichern. Daher fordert die Gewerkschaft eine Reduzierung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. Denn der Job ist körperlich belastend, und der Altersdurchschnitt der Kolleginnen und Kollegen ist hoch. Zudem fordert die IG Metall die Einführung von Altersteilzeit über einen Fonds der jeweiligen Werke, damit ein früherer Ausstieg aus dem Erwerbsleben auch finanziell möglich ist.
Auch bei den Einkommen besteht dringender Handlungsbedarf. Die Stundenlöhne und Gehälter müssen deutlich angehoben werden, damit die Beschäftigten die steigenden Lebenshaltungskosten – etwa für Strom, Heizung und Lebensmittel – überhaupt noch stemmen können. Der gesetzliche Mindestlohn droht die Entgelte bei Tool zu überholen, wenn keine spürbare Erhöhung erfolgt. Das ist nicht nur beschämend, sondern auch ein klares Zeichen für die Notwendigkeit tariflicher Verbesserungen.
Besonders gravierend ist die Situation bei den Sonderzahlungen. Seit fast 20 Jahren gab es keine Erhöhung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Während die Inflation seit 2006 um 47 Prozent gestiegen ist, stagnieren die Sonderzahlungen und verlieren Jahr für Jahr an Wert. Die IG Metall fordert daher eine Anhebung auf das bestehende Niveau von Sonae Arauco – und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt. Zudem sollen die Zahlungen künftig automatisch mit der Tarifentwicklung steigen.
Ramona Johnke, Politische Sekretärin der IG Metall Wolfsburg, stellt klar: „Ohne die Logistik von Tool läuft bei Sonae Arauco nichts – und trotzdem werden die Beschäftigten seit Jahren hingehalten, vertröstet und klein gerechnet. Die Tool-Belegschaft wurde damals gezielt ausgegliedert, um die Logistik billiger zu gestalten. Den Preis dafür bezahlen die Beschäftigten bis heute.“ Johnke verdeutlicht: „Während der Arbeitgeber seine Mitarbeiter klein hält, fordert er auf der anderen Seite Qualität. Als Gewerkschaft sagen wir deshalb: Der Arbeitgeber muss endlich in seine guten Fachkräfte investieren: mit fairen Entgelten, wertschätzenden Sonderzahlungen, reduzierten Arbeitszeiten und Regelungen zur Altersteilzeit.“
Peter Schefter, Betriebsratsvorsitzender, erklärt: „Ich habe die Entwicklungen dieses Standorts von Anfang an begleitet. Tool ist eine Tochter von Sonae Arauco – doch bei den Arbeitsbedingungen spiegelt sich das nicht wider. Während Beschäftigte der Konzernmutter Urlaubs- und Weihnachtsgeld von 134 Prozent eines Monatseinkommens erhalten, bekommen Arbeitnehmer bei Tool gerade einmal 25 Prozent. Vom Entgelt auf Mindestlohnniveau ganz zu schweigen. Das ist respektlos.“ Schefter, der seit 2001 bei Tool beschäftigt ist, betont, dass die Arbeit bei Tool weit über die klassische Logistik hinausgeht: „Unsere Kolleginnen und Kollegen fahren nicht nur Stapler – sie bedienen komplexe Anlagen, arbeiten mit SAP und leisten täglich Höchstleistungen. Die Belastung steigt stetig, etwa durch den Investitionsstau an der alten Kettenbahn. Immer mehr Pakete müssen per Hand verpackt werden. Der Krankenstand ist hoch – und niemand stellt die Frage nach dem Warum. Gerade ältere Beschäftigte können nicht bis zum Umfallen arbeiten. Deshalb brauchen wir unbedingt eine Reduzierung der Arbeitszeit zur allgemeinen Entlastung der Belegschaft sowie eine dringend notwendige Regelung zur Altersteilzeit.“
In der letzten Verhandlung Ende September bekräftigte die IG Metall ihre Forderungen. Die Arbeitgeberseite verwies erneut auf die schwierige wirtschaftliche Lage und legte lediglich ein Mini-Angebot vor: Eine Erhöhung der Sonderzahlungen von insgesamt 800 Euro auf über 2.000 Euro p.a.– aber eben nicht jetzt, sondern im Laufe der kommenden zehn Jahre. Für alle weiteren Forderungen der Gewerkschaft, beanspruchen die Arbeitgeber eine Kompensation. Die IG Metall empfindet dieses Verhalten als Frechheit: Die Beschäftigten bei Tool leisten tagtäglich einen wichtigen Beitrag zum Erfolg des Konzerns. Sie verdienen Respekt, Anerkennung und faire Bedingungen – nicht irgendwann, sondern jetzt. Die nächste Verhandlungsrunde ist für Mitte November geplant. Bis dahin heißt es für die Beschäftigten, dass sie sich zusammenschließen müssen, um weiterhin Druck auf den Arbeitgeber auszuüben, auch an den anderen Tool-Standorten in Meppen und Beeskow.