Vor 80 Jahren

Die Riesebergmorde am 4. Juli 1933

  • 01.07.2013
  • Aktuelles, Antifaschismus

Die Rieseberg-Morde waren ein Verbrechen der Nationalsozialisten kurz nach deren „Machtergreifung“, bei dem Angehörige der SS am 4. Juli 1933 in der Nähe des kleinen Ortes Rieseberg bei Königslutter elf Männer ermordeten.

Nachdem die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 an die Macht gekommen waren, kam es in der Stadt und dem Freistaat Braunschweig sehr bald zu brutalen Übergriffen gegenüber politisch Andersdenkenden durch Anhänger der NSDAP und ihr nahestehender Organisationen. Auch am Donnerstag, dem 29. Juni 1933, gingen in Braunschweig in Zivil gekleidete SA- und SS-Männer gegen politische Gegner vor. Den Grund dafür lieferte die Suche nach Personen, die kurz zuvor illegale Flugblätter verteilt hatten. Während dieser Aktion im Braunschweiger Arbeiterviertel Eichtal trafen zwei SS-Trupps aufeinander, die sich gegenseitig für die Gesuchten hielten und das Feuer aufeinander eröffneten. Ein SS-Mann wurde dabei tödlich getroffen. Dies wurde auch 1950 im entsprechenden Prozess vom SA-Angehörigen Gattermann bestätigt. Gattermann war kurz nach den tödlichen Schüssen am Tatort eingetroffen und vertrat die Ansicht, dass offenbar Freundbeschuss für den Tod des SS-Manns ursächlich gewesen sei. Nachdem er dies geäußert habe, sei er allerdings vom braunschweigischen Landespolizeichef und SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln zurechtgewiesen worden.

Jeckeln und Klagges (Ministerpräsident und Innenminister des Freistaats Braunschweig) lasteten die Tat den Kommunisten an. Über die örtliche Presse sowie durch Mundpropaganda wurde umgehend damit begonnen, die Tat den Kommunisten in die Schuhe zu schieben. Der damalige Potsdamer Polizeipräsident Graf Helldorf hatte die Parole ausgegeben: Für jeden getöteten Nationalsozialisten hätten jeweils zehn Marxisten zu sterben.

Nach dieser Maxime schien man in Braunschweig vorgehen zu wollen: Unmittelbar nach dem Tod des SS-Manns leitete Jeckeln eine groß angelegte Aktion zur Verfolgung politischer Gegner ein. Diese Aktion, in Anlehnung an den Namen des Getöteten „Landmann-Welle“ genannt, beschränkte sich nicht auf die Stadt Braunschweig, sondern umfasste den gesamten Freistaat. So wurden
mehrere Hundert Personen verhaftet und in „Schutzhaft“ genommen.

Die Gefangenen wurden am 4. Juli per Lastkraftwagen zum Rieseberger Pappelhof transportiert. Nach Aussage eines auf dem Pappelhof wohnenden Ehepaares wurden die Gefangenen noch über mehrere Stunden von zwei SS-Männern aufs Schwerste misshandelt. Gegen 23 Uhr sei schließlich ein Personenkraftwagen auf den Hof gefahren, dem vier bis fünf Personen entstiegen, die die Gefangenen binnen kürzester Zeit erschossen. Einige Tage darauf wurden die Leichen auf dem Rieseberger Friedhof in ungekennzeichneten Gräbern verscharrt.

Die Opfer: Hermann Behme, Dreher, Mitglied des Spartakusbundes und der KPD. Julius Bley, Chemigraf und KPD-Mitglied. Hans Grimminger, Schlosser bei der MIAG, KPD-Mitglied. Kurt Heinemann, Schneider in Schöningen, KPD-Mitglied und Jude. Reinhold Liesegang, Schweißer bei Voigtländer, Gewerkschafts- und KPD-Mitglied. Wilhelm Ludwig, Arbeiter bei der Reichsbahn und KPD-Mitglied. Walter Römling, Hilfsarbeiter bei der MIAG, Betriebsrat. Gustav Schmidt, Student in Braunschweig und Mitglied der sozialistischen Studentenbewegung. Alfred Staats, Angestellter und KPD-Mitglied. Willi Steinfass, ungelernter Arbeiter bei der MIAG, KPD-Mitglied.

Als die Leichen 1953 exhumiert wurden, fand man einen elften Toten, der bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt war und dessen Identität bis heute nicht zweifelsfrei geklärt ist. Es wird vermutet, es handelt sich um Kurt Hirsch, Student.


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