02.10.2026 | Die IG Metall stellt sich gegen den geplanten Stellenabbau bei Cariad. Zugleich hat der Vorstand der VW-Softwaretochter zentrale Tarifverträge gekündigt. Betriebsrat und Gewerkschaft werten das als Eingeständnis strategischen Versagens.
Der Cariad-Vorstand hat am Mittwoch auf Betriebsversammlungen in Wolfsburg, Ingolstadt, Mönsheim und Berlin einschneidende Pläne verkündet. Im Raum steht der weitere Abbau von rund 1.600 Arbeitsplätzen. Damit stünde nahezu jede vierte Stelle zur Disposition. Derzeit beschäftigt Cariad bundesweit rund 4.300 Menschen. Ende 2023 waren es noch etwa 6.500. Binnen drei Jahren wäre die Belegschaft damit um annähernd die Hälfte geschrumpft.
Überdies hat der Vorstand mehrere Tarifverträge gekündigt. Betroffen sind unter anderem die Regelungen zum Entgelt, Urlaub, zur Wochenarbeitszeit und der Anspruch auf mobiles Arbeiten. Bestehen bleibt der Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung, betriebsbedingte Kündigungen sind damit bis Ende 2029 ausgeschlossen. Allerdings hat der Vorstand offiziell eine Kündigung der Beschäftigungssicherung gefordert. Dieser Schritt hatte sich schon vor einigen Wochen angedeutet, als die Schlechtwetterregelung aus dem Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung ausgelöst wurde.
Am selben Tag hat Volkswagen zehn von 12 für die Beschäftigten relevanten Haustarifverträgen, die ihre Arbeitsbedingungen beschreiben, gekündigt. „Innerhalb eines Tages kündigt der Konzern Tarifverträge bei Volkswagen und bei Cariad sowie weiteren VW-Tochterunternehmen“, sagt Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt und Verhandlungsführer für den Volkswagen-Haustarifvertrag. „Damit sucht der Vorstand ganz bewusst die Konfrontation mit den Belegschaften.“
Für die Lage bei Cariad sieht der Gewerkschafter die Verantwortung beim Management. „Der Konzern hat Cariad über Jahre mit immer neuen Strategien überfrachtet“, so Gröger. „Jedes gescheiterte Vorhaben trägt die Handschrift des Vorstands. Nun soll die Belegschaft für diese Versäumnisse einstehen.“
Bis 2031 will Volkswagen seine Investitionen in Cariad um rund 6,1 Milliarden Euro zurückfahren. Die Softwarearchitektur für westliche Märkte entsteht künftig gemeinsam mit Rivian, in China mit Xpeng. Die Allianz mit Bosch für das automatisierte Fahren hat der Konzern bereits im Juli aufgelöst. „Software ist das Nervensystem des modernen Automobils“, schildert Gröger. „Partnerschaften können den Weg beschleunigen. Wer dabei die eigene Kompetenz preisgibt, begibt sich jedoch in strategische Abhängigkeit.“
In Wolfsburg ist die Empörung groß. „Hier arbeiten Menschen, die Volkswagen wiederholt aus schwierigen Softwarelagen geholfen haben“, sagt Flavio Benites, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Wolfsburg. „Ihnen nun Arbeitszeitregelungen und mobiles Arbeiten zu entziehen, ist eine Geringschätzung ihrer Leistung.“
Benites warnt vor einem unumkehrbaren Verlust. „Mit jeder Stelle, die bei Cariad wegfällt, wandert Wissen ab, das wir nie wieder zurückholen“, sagte er. „Die Wertschöpfung im Fahrzeug verlagert sich längst in die Software. Wer hier spart, gefährdet die Zukunft des Industriestandorts.“
Die IG Metall kündigt entschlossenen Widerstand an. „Die Beschäftigten werden diesen Angriff nicht hinnehmen“, führt Benites aus. „Wir bereiten uns auf eine harte Auseinandersetzung vor. Wenn nötig, verteidigen wir die Tarifverträge auch mit den Mitteln des Arbeitskampfes.“
Dr.-Ing. Claudia Richter beschreibt eine tief verunsicherte Belegschaft. Sie ist Betriebsratsvorsitzende von Cariad Nordwest sowie Mitglied des Aufsichtsrats und stellvertretende Vorsitzende Gesamtbetriebsrats der Cariad SE. „Die Stimmung auf der Betriebsversammlung war von Fassungslosigkeit geprägt. Unsere Kolleginnen und Kollegen haben in drei Jahren zahlreiche Neuausrichtungen erlebt und die Turbulenzen mit großem Einsatz aufgefangen“, sagte sie. „Trotz aller Widrigkeiten machen sie mit ihrer Software- und Entwicklungsarbeit Konzernfahrzeuge serienreif und sichern damit die technologische Wettbewerbsfähigkeit des Volkswagen Konzerns. Als Anerkennung erhalten sie nun eine Streichliste.“
Für Richter geht es um eine Grundsatzfrage. „Volkswagen muss entscheiden, ob es seine digitale und technologische Souveränität aus der Hand gibt oder im eigenen Haus stärkt“, sagte sie. „Bei Volkswagen steht die Produktion auf dem Prüfstand, Forschung und Entwicklung geraten unter Druck. Wenn nun auch noch die Software-Kompetenz verloren geht, was bleibt dann eigentlich von ‚Made in Germany‘?“
Die IG Metall stellt klare Erwartungen an den Vorstand:
Hintergrund: Cariad ist die Softwaretochter des Volkswagen-Konzerns und hat Standorte in Wolfsburg, Ingolstadt, Mönsheim und Berlin. Ursprünglich sollte das Unternehmen die Softwareentwicklung aller Konzernmarken bündeln. Nach Verzögerungen bei mehreren Fahrzeugprojekten hat Volkswagen 2023 die Führung ausgetauscht. Seither setzt der Konzern verstärkt auf externe Partner.
(Presseinformation des IG Metall Bezirks Niedersachsen und Sachsen-Anhalt 099/2026)