05.03.2026 | WIR im Gespräch mit Silke Augustin, BR-Vorsitzende Schnellecke Logistics und Pierre Zörnig, BR-Vorsitzender DP World.
WIR: Hallo Silke, hallo Pierre. Ihr seid beide Vorsitzende des Betriebsrates in Unternehmen der sogenannten Kontraktlogistik und damit der Zulieferbranche. Wie ist die derzeitige Situation in der Kontraktlogistik? Wie seht ihr die Zukunft?
Pierre: Die Lage ist aktuell auf der einen Seite angespannt, auf der anderen Seite aber auch sehr interessant. Der größte Auftraggeber Volkswagen gliedert als Teil des Sparprogramms Bereiche und Prozesse aus. Davon kann ein Unternehmen wie DP World als Logistik-Experte profitieren. Wir legen alles daran, zu wachsen und unseren Kollegen und Kolleginnen damit sichere Arbeitsplätze, aber eben auch gute Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Aber das ist oftmals ein echter Balanceakt, denn die Dienstleistung muss für den Kunden eben auch effizient und kostengünstig bleiben, damit wir den Auftrag bekommen.
Silke: Die Bemühungen der Auftraggeber, die Logistikkosten zu senken, werden in der Zukunft, wie auch schon in der Vergangenheit, weiter Druck auf die Kontraktlogistik ausüben. Die Preise bei der Ausschreibung von Kontrakten werden immer mehr gedrückt, sodass es schwieriger für die Kontraktlogistikunternehmen wird, dem Preisdruck standzuhalten. Da braucht es uns als starke Betriebsräte, um sicherzustellen, dass Kosteneinsparungen nicht einseitig auf die Beschäftigten umgelegt werden, sondern Entgelte und Sozialleistungen weiter marktgerecht und vor allem fair sind.
WIR: Was sind die größten Herausforderungen und Aufgaben für euch im Betriebsrat? Welche Themen sind für die Belegschaft besonders wichtig?
Silke: Durch den Kostendruck sehen sich die Beschäftigten einer weiter steigenden Leistungsverdichtung ausgesetzt, die dann eben auch erhöhte gesundheitliche Risiken birgt. Der anhaltend hohe Krankenstand, der ja auch in der aktuellen politischen Debatte immer wieder thematisiert wird, ist ein wichtiges Indiz dafür. Man muss kein Raketenforscher sein, um da einen Zusammenhang herzustellen.
Pierre: Hinzu kommt: Schichtarbeit oder kurzfristige Plananpassungen erhöhen die Belastung der Kollegen zusätzlich spürbar. Wir arbeiten als Betriebsrat deshalb ständig an fair gestalteten Arbeitszeiten, ausreichenden Pausen und einer gesunden Arbeitsbelastung. Dazu gehören natürlich auch die Themen Gesundheitsschutz und Arbeitssicherheit. Arbeitsplätze in der Logistik sind körperlich und mental anspruchsvoll. Unser Gremium achtet auf präventive Maßnahmen und ergonomische Arbeitsplätze. Wir fordern ausreichende Schutzmaßnahmen – zum Beispiel gegen Unfälle, Muskel-Skelett-Belastungen oder stressbedingte Belastungen.
WIR: Kannst du uns da konkrete Beispiele nennen?
Pierre: Gerne. Es ist gerade Winter, und vielen macht die Kälte auch am Arbeitsplatz zu schaffen. Aus diesem Grund haben wir zum Schutz der Kollegen eine Betriebsvereinbarung zum Umgang mit Hitze und Kälte an den Arbeitsplätzen geschlossen. Sie regelt Aufwärmphasen, Bereitstellung von Getränken, zusätzliche Erholungszeiten und so weiter. In Sachen Prävention haben wir das Benefit E-Gym eingeführt. Unsere Kollegen können, wenn sie es wollen, einen geringen Beitrag monatlich zahlen, um eine ganze Reihe an Fitnessstudios, Freibädern oder zum Beispiel Yoga-Kursen zu nutzen. Den Restbetrag übernimmt der Arbeitgeber.
WIR: Was sind aus eurer Sicht die großen Erfolge der Mitbestimmung in euren Unternehmen in der letzten Wahlperiode?
Silke: Bei uns ist da ganz klar die Sicherung von Arbeitsplätzen zu nennen. Durch das starke Mandat der Belegschaft konnten wir verhindern, dass im Zuge des Auslaufs zweier Kontrakte eine Massenentlassung durchgeführt wurde. Durch unsere konsequente Forderung nach Qualifizierungsmaßnahmen für die betroffenen Beschäftigten gelang es uns, 105 von 110 Arbeitsverhältnissen nachhaltig zu sichern.
Pierre: In diesem Zusammenhang würde ich auch die verlässlichen Kurzarbeitergeld-Regelungen nennen, die wir während Corona durchsetzen konnten. Hinzu kommen bei uns auch einige weitere tarifliche Erfolge. So regelt unser Tarifvertrag die Verweildauer in den einzelnen Entgeltgruppen. Wir konnten vereinbaren, dass diese so kurz wie möglich sind, unsere Kolleginnen und Kollegen also so schnell wie möglich hochgestuft werden. Zudem haben wir Funktionszulagen eingeführt und es gibt bei uns eine Vereinbarung für das günstige Leasing von Diensträdern. Nennen möchte ich ganz aktuell auch den Umgang mit dem Wegfall der Schichtentkopplung bei unserem Hauptkunden Volkswagen. Wir konnten uns mit unserem Arbeitgeber darauf einigen, dass für unsere Kolleginnen und Kollegen in diesem Zuge die Arbeitszeit nicht erhöht wird. Wir stellen in dieser Zeit zwar die Versorgung unseres Kunden sicher, aber durch zusätzliche vergütete Pausen für unsere Belegschaft bleibt die Arbeitszeit letztlich gleich.
WIR: Welche Rolle spielt ein starker, gewerkschaftlich verankerter Betriebsrat für eine erfolgreiche Mitbestimmung?
Pierre: Ganz einfach: Weil wir als Beschäftigte sonst allein dastehen. Ein starker IG Metall-Betriebsrat ist kein Selbstzweck – er ist konkreter Schutz und eine Stimme für die Kolleginnen und Kollegen. Er sorgt für einen Machtausgleich.
Silke: Viele Beschäftigte wissen gar nicht, wie wichtig starke Strukturen im Hintergrund für unsere Arbeit im Betriebsrat sind. Die IG Metall gibt uns Rückhalt, unterstützt uns fachlich und rechtlich und stärkt uns den Rücken – besonders bei schwierigen oder konfliktbehafteten Themen.
Pierre: Genau. Das Betriebsverfassungsgesetz gibt dem Betriebsrat viele Rechte, aber diese sind nur etwas wert, wenn sie auch durchgesetzt werden. Ohne Stärke, Rückhalt und Erfahrung bleiben das alles nur Theorie. Gerade in der Logistik, dem Automotive-Umfeld und in Zeiten von Wandel ist das entscheidend. Wir können den Wandel nicht verhindern, aber mit einem starken Betriebsrat und dem Rückhalt und der Expertise einer starken IG Metall können wir beeinflussen, wie dieser Wandel abläuft.
WIR: Wie wichtig für diese Arbeit ist dabei der Ausgang der Betriebsratswahl? Warum sollten die Kolleginnen und Kollegen wählen gehen?
Silke: Ein starker Betriebsrat lebt von einer starken Beteiligung. Deshalb sollte jede und jeder sein Recht auf Mitbestimmung nutzen. Dieses Recht beginnt an der Wahlurne: Nur wer wählen geht, sorgt dafür, dass der Betriebsrat handlungsfähig bleibt und unsere Interessen wirkungsvoll vertreten kann.
Pierre: Eine hohe Wahlbeteiligung und ein klares Votum sind dafür sehr wichtig. Das bedeutet klare Rückendeckung, mehr Gewicht bei Verhandlungen und mehr Respekt auf der Arbeitgeberseite. Umgekehrt lässt eine schwache Beteiligung den Betriebsrat schwach wirken. Wählen gehen bedeutet deswegen, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für die Kolleginnen und Kollegen. Dabei sollte jeder immer im Hinterkopf haben: Auch wenn man selbst gerade keine Probleme hat, andere haben sie und morgen kann es mich selbst treffen.