Archiv: Ländergruppe Brasilien

Informationen vor Ort - Austausch zwischen Gewerkschaftern

1984 fand ein Austauschprogramm zwischen Gewerkschaftern in Deutschland und Brasilien statt. Gewerkschafter aus Brasilien besuchten im Herbst 1984 die Bundesrepublik, deutsche Gewerkschafter fuhren ein Jahr später nach Brasilien. Der Austausch wurde durch kirchliche Stellen im Einvernehmen mit der IG Metall finanziert und organisiert. Der Reisebericht wurde auch veröffentlicht. In dem Buch "Machen wir uns auf den Weg - Schritte zur internationalen Solidarität von brasilianischen und deutschen Gewerkschaftern" sind die beindruckenden Erfahrungen dokumentiert.

"Zentraler Punkt des Treffens ist es, Kontakt mit den deutschen Gewerkschaften über das, was hier und in Brasilien vor sich geht, gemacht zu haben. Für uns in Brasilien sind die politischen Bedingungen das größte Problem. Wegen der Abhängigkeit der Gewerkschaften vom Arbeitsministerium kann jegliche Bewegung zerstört werden."
(Mario Barbosa, Gewerkschaftsmitglied von CUT)

Solidarität mit den brasilianischen Kollegen - Unterstützung im brasilianischen Arbeitskampf

Während des großen Arbeitskampfes 1985 in Brasilien, bei dem 28 Gewerkschafter von Volkswagen do Brasil entlassen wurden, unterstützten die Gewerkschafter aus Deutschland mit Solidaritätsaktionen die Streikenden durch Solidaritätstelegramme, Öffentlichkeitsarbeit und Spendensammlungen.

"Zu Eurem ersten größeren Arbeitskampf seit der Rückkehr Brasiliens zu einer zivilen Regierung, richten Euch die Vertrauensleute der IG Metall im Volkswagenwerk Wolfsburg solidarische Grüße aus.
Wir unterstützen uneingeschränkt Eure Forderung nach Arbeitszeitverkürzung mit dem Ziel der 40-Stunden-Woche und der quartalsweisen Lohnanpassung an die Lebenshaltungskostenrate.
Um unseren Kolleginnen und Kollegen die gesellschaftspolitischen Verhältnisse in Brasilien näher zu bringen, werden wir bei unserer Mai-Kundgebung in Wolfsburg eine Ausstellung und einen Informationsstand errichten, denn Presseinformationen über Euren berechtigten Kampf und dessen Ziele werden kaum veröffentlicht. Wir wissen aus unserer eigenen jüngsten Erfahrung, wie schwer es ist, Arbeitszeitverkürzung durchzusetzen. Wir sind mit dem Herzen bei eurem Kampf."

(Solidaritätstelegramm der Vertrauenskörperleitung von VW Wolfsburg)

Spendenaktionen - Auto für Gewerkschaftsschule "Escola Sul"

Zur Einweihung der "Escola Sul", einer neuen Schule des Gewerkschaftsdachverbandes CUT im Süden Brasiliens, spendeten die Wolfsburger IG Metall und der Arbeitskreis "InterSoli" 1996 ein Auto "Made in Brasilien", einen Gol Variant. Bereits 1993 hat der Arbeitskreis die Schule mit einer Spende unterstützt. Brasilianische Gewerkschafter nutzen die Schule zu zwei Dritteln als Bildungsstätte, wie beispielsweise für Seminare zur Einführung der "4-Tage-Woche". Ansonsten ist sie Hotelbetrieb, Sportstätte und Kindergarten - Gewerkschaftsarbeit findet dort somit auf vielfältige Weise statt.

Wolfgang Schulz, der das Auto vor Ort überbrachte: "Für die Gewerkschaftsvertreter in Südbrasilien, besonders aber für die Standorte von VW und zukünftig Audi, wird diese Schule eine starke gewerkschaftliche Bedeutung haben. Sie ist in dieser Form mit ihren vielfältigen Möglichkeiten einmalig in Brasilien."

Arbeitsplatzsicherung in Brasilien - Modell zu Beschäftigungssicherung wird angepasst

1998 war VW do Brasil durch die brasilianische Wirtschaftskrise massiv von Massenentlassungen betroffen. Nachdem sich die brasilianische Gewerkschaft sehr intensiv mit dem deutschen Modell zur Beschäftigungssicherung - der 28,8 Stunden-Woche - auseinandergesetzt hatte, wurden dieses und weitere Beschäftigungssicherungskonzepte auf die brasilianische Situation angepasst und übertragen.

Die Gewerkschaft CUT und VW do Brasil unterzeichneten eine Vereinbarung zur Einführung der 4-Tage-Woche, eines Vorruhestandsprogramms sowie verschiedener Maßnahmen zur Kosteneinsparung. Für den damit verbundenen ca. 15% Lohnverzicht erhielten die Beschäftigten eine Beschäftigungsgarantie von 5 Jahren. Diese Maßnahme - nach dem Vorbild der Vereinbarungen zwischen der IG Metall und der Volkswagen AG aus dem Jahre 1993 - war nur möglich aufgrund vertrauensvoller persönlicher Kontakte, eines guten Informationsstandes und intensiver Begleitung durch deutsche Kollegen in der Krisensituation.

Durch die Vereinbarung wurden bei VW do Brasil die mehr als 26 000 Arbeitsplätze gesichert. Das Prinzip der "kooperativen Konfliktbewältigung" bei Volkswagen hatte sich auch in diesem Streitfall erneut bewährt. Massenentlassungen konnten verhindert werden.

Aufklärung über Lebensbedingungen - Straßenkinder in Brasilien

Im Rahmen der Spendenaktion der VW-beschäftigten "Eine Stunde für die Zukunft" entstand der Kontakt zur brasilianischen Straßenkinder-Band Eré. Im Jahr 2001 war die Band auf einer Danke-Schön-Tour an den Volkswagen-Standorten unterwegs. Der Arbeitskreis "InterSoli" lud sie zu einem Informationsabend ein, um von ihren Erfahrungen und ihrer Lebenssituation zu berichten.

"Musik oder überhaupt künstlerische Bestätigung ist ein Weg, den Straßenkindern wieder ein Sozialverhalten zu vermitteln. Durch die Band können sie sogar Geld verdienen, mit dem sie ihre Familien unterstützen."
(Erzieherin beim Projekt Eré, in: "Wir in der IG Metall", Juni 2001)

Mehr Informationen:
Schlaglichter: Gewerkschaftsentwicklung in Brasilien
Eindrücke der Brasilienreise, 1984


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