Eindrücke der Brasilienreise, 1984

Auszüge aus dem Buch "Machen wir uns auf den Weg" - Schritte zur internationalen Solidarität von brasilianischen und deutschen Gewerkschaftern.

Brasilien - Sao Paulo, die ABC-Städte Santo André, Sao Bernardo und Sao Caetano, was hatten wir nicht schon alles über sie gehört und gelesen! Drei Wochen, um die Arbeits- und Lebensbedingungen unserer brasilianischen Kontakte zu erweitern und zu vertiefen, um Vorurteile abzubauen, um eine Brücke der Verständigung von Basis zu Basis zwischen den Betrieben und den Menschen in der ABC-Region und uns in Deutschland zu bauen. Nun waren wir da, was würde uns erwarten?

Begonnen hat die Woche bei den Mercedes-Kollegen mit einem Fest im Haus von Vicente, Mercedes-Arbeiter und Gewerkschaftssekretär.

Hinterm Haus ist ein kleiner Hof. Die Räume des Hauses selbst sind zu klein, um die vielen Leute aufzunehmen, die ab mittags nach und nach eintrudeln. Es sind die Arbeitskollegen mit ihren Familien.

Ein leckeres Essen wird serviert. Vicente hat in den Morgenstunden seine einzige Ziege geschlachtet, um uns bewirten zu können. Der Zuckerrohrschnaps und das Bier löschen den Durst und lösen die Zunge...Die Stunden verfliegen im Nu. Die lockere Atmosphäre, die Einfachheit des Umgehens miteinander lassen uns schnell heimisch werden. Ein guter Ausgangspunkt für die kommenden Tage, wo wir uns mehr dem alltäglichen politischen und gewerkschaftlichen Kampf unserer Freunde ausgesetzt haben.

Während einer Diskussion mit Vertretern der CUT aus dem ABC-Gebiet erreichte uns der Anruf, dass Teile einer Favela "geräumt" würden.

Bei unserer Ankunft in der Favela - einem Elendsviertel - am Rande von Sao Bernardo waren bereits die spärlichen Habseligkeiten derjenigen Familien, die man willkürlich herausgepickt hatte, auf Lastwagen unter starkem Polizeischutz verladen. Meistens sucht man solche Leute heraus, die durch ihre Aktivitäten in der Favela aufgefallen sind, um den Rest durch solche Aktionen einzuschüchtern. Die Favela-Bewohner versuchten zwar, durch Diskussionen und Sitzblockaden den Abtransport zu verhindern, aber gegenüber dem aggressiven Vorgehen der Polizei hatten sie keine Chance. Die Verbitterung der Leute war außerordentlich groß, da sich alle ihrer Machtlosigkeit bewusst waren und Angst davor hatten, die nächsten Opfer zu sein. Die ohnmächtige Wut entlud sich in Steinwürfen auf das Polizeiauto, in das sich die bewaffneten Polizeikräfte fluchtartig nach Beendigung der Aktion zurückgezogen hatten. Wir wurden zum ersten Mal während unseres Aufenthalts mit der stattlichen Repression konfrontiert, waren aber auch tief beeindruckt von der Solidarität und Entschlossenheit der Favela-Bewohner.

Viele Projekte der Volksbewegungen, die wir gesehen haben, haben uns sehr beeindruckt. Mit einfachen Mitteln und aus eigener Kraft schaffen die Menschen im Alltag wirksame Veränderungen und Verbesserungen und zeigen gleichzeitig neue Perspektiven auf. Eine solche von kirchlichen Mitarbeiter/innen angeregte Initiative haben wir besucht: Arbeiter, die von der Müllhalde Diademas leben.

Dies war eine unserer erschreckendsten und tiefsten Begegnungen mit der Wirklichkeit Brasiliens und der Selbstbehauptung seiner Bevölkerung im Kampf um einen aufrechten Gang und ein menschenwürdiges Dasein. Die Müllkippe liegt etwas außerhalb Duademas - eine riesige Halde, an deren Fuße wir nach der Fahrt durch Barackensiedlungen, Gewerbegebiete und Stadtrandlandschaft gelangen. Ab hier - die Fenster geschlossen - fahren wir hinter Müllwagen in dicke Staubwolken gehüllt den Berg hinauf. Oben angelangt, aus dem Auto steigend, umfängt uns beißender unerträglicher Gestank. Es ist heiß und staubig. Vor uns: unzählige Menschen, die in einem Meer von Abfallbergen herumlaufen. Benommen vor Hilflosigkeit und ohnmächtiger Wut stehen wir dem Anblick der Männer, Frauen und Kinder gegenüber, die hier in den Eingeweiden des Mülls wühlend die einzige Möglichkeit finden, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.


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